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Die Sprache des Glaubens

Unser Sohn beginnt zu sprechen! Manches was er so von sich gibt, hätte bestimmt auch seinen Platz beim Aufwärmen unseres Chores. LaLaLaLaLa folgt auf DaDaDaDaDa und MaMaMaMaMa. Er genießt es, mit seinem Mund Laute und Töne zu formen und freut sich selbst am Klang seiner Stimme. Er übt, probiert und spricht einfach los. Wir bestärken ihn gerade bei allem, was er sagt, und er freut sich über unsere Freude. Bis vor ein paar Monaten, ganz am Anfang seines Lebens, wäre er noch für jede Muttersprache offen gewesen. Mittlerweile, nachdem er uns viele Stunden, Tage und Wochen sprechen und singen gehört hat, ist klar, dass Deutsch seine Muttersprache sein wird. Noch lässt das erste bewusste Wort auf sich warten, aber mein Gefühl ist, dass es nicht mehr allzu lange dauert.

Der Glaube ist eine Sprache. Eine Sprache, die manchmal sperrig, verstaubt und alt erscheint, eine Sprache, die einen aber gleichzeitig in ihren Bann zieht, mystische Welten eröffnet und einen an Emotionen heranführt, zu denen man sonst keinen Zugang hätte. In jedem von uns ist die Fähigkeit, die Sprache des Glaubens zu erlernen, schon angelegt. Doch eine Sprache will entdeckt und ausgekundschaftet werden. Eine Sprache braucht Freiräume, in denen sie sich entwickeln kann und in der nicht sofort geschimpft wird, wenn ein „falsches“ Wort verwendet wird. Mein Wunsch ist es, dass unsere Gemeinden zu solchen Freiräumen werden. Freiräume, in denen wir gemeinsam die Sprache des Glaubens ausprobieren und uns an ihr erfreuen. Das geht, indem wir uns Geschichten vom Glauben erzählen, alte und neue. Das geht, indem wir gemeinsam beten, träumen, singen und musizieren. Jeder von uns hat etwas zur Sprache des Glaubens beizutragen, nicht nur die Pfarrerin, der Pfarrer und die Diakonin. All unseren Visionen vom Glauben ergeben ein Großes und Ganzes. Und auch Widersprüche können gut ausgehalten werden.

Momentan scheint dieses skizzierte Bild von Gemeinde noch in weiter Ferne zu liegen. Noch können wir nur unter Einschränkungen zusammenkommen. Doch Gemeinschaft wird wieder möglich sein, und in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft werden wir gemeinsam die Räume unseres neuen Gemeindezentrums mit Sprache, Leben und Musik erfüllen und uns an unserem Glauben erfreuen.

Ich bin nun elf Wochen in Elternzeit. Und wenn ich Ende Oktober wiederkomme, ist es gut möglich, dass schon das erste bewusste Wort über Jorims Lippen gegangen ist. Ich werde Ihnen bestimmt einmal erzählen, was er gesagt hat.

Ihr Pfarrer Daniel Rudolphi


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